Wie riecht Kristallnacht? Eine Kritik an der Aktionsgestaltung der SDAJ Halle

Kritikschreiben zur SDAJ-Demo am 09.11.2007

Wie riecht Kristallnacht?

Eine Kritik an der Aktionsgestaltung der SDAJ Halle

Heute jährt sich zum 69. Mal die Reichspogromnacht von 1938, als sich zum ersten Mal der Antisemitismus von NS-Deutschland in seiner ganzen brutalen Hässlichkeit zeigte. Gerade an diesem Datum finden wir es wichtig, nicht zu einer weiteren x-beliebigen Anti-Nazi-Demo aufzurufen. An diesem Tag muss ganz konkret der Opfer dieser Reichspogromnacht, sowie aller anderen Opfern des NS-Regimes gedacht werden. In Erinnerung an diese Nacht muss es auch gegeben sein, sich ganz grundsätzlich zu der Existenz Israels und seiner Funktion als Schutzmacht und Sicherheitsgarantie für die Juden in aller Welt zu bekennen. Damit sich die Ereignisse von 1938 und den folgenden sieben Jahren nie wiederholen können. Aus diesem Grund wollen wir uns an der heutigen Demonstration beteiligen. Um der Opfer der Reichspogromnacht zu gedenken und Kritik zu üben an der deutschen Gedenkkultur.

Die SDAJ reiht sich mit ihrem Demonstrationsaufruf genau in diese offizielle Gedenkkultur der heutigen Bundesrepublik ein, indem sie die Verantwortung an den Ereignissen der Reichspogromnacht alleine auf Seiten der SA sieht und damit die Mitschuld der deutschen Zivilbevölkerung außer Acht lässt. Dabei muss ganz klar betont werden, dass die Zustände im Dritten Reich nicht von hohen NSDAP-Funktionären einer unschuldigen deutschen Bevölkerung aufgezwungen, sondern von dieser aktiv mitgetragen wurden. Gerade der eliminatorische Antisemitismus des 20. Jahrhunderts kam nicht über Nacht mit den Nationalsozialisten, sondern keimte schon seit Jahrzehnten in den deutschen Wohnzimmern.

Des Weiteren erscheint es uns notwendig, auf die Formulierung des SDAJ-Flyers noch mal genauer einzugehen. „Es riecht nach Kristallnacht!“ – treffender wäre wohl „Es riecht nach Mord und Totschlag!“. Der Begriff „(Reichs-)Kristallnacht“ ist ein von den Nazis geprägter Euphemismus, der die wahren Ereignisse des 09.11.1938, die Morde, die Verschleppungen, die Plünderung und Zerstörung jüdischen Eigentums, beschönigen sollte. Der Aufruf unterschlägt auch, was mit den Verschleppten passierte – die Folterungen, die Haftstrafen und die letztendlichen Deportationen in die Konzentrationslager. Dass am Ende bis auf wenige Ausnahmen der Tod stand, muss im Hinblick auf den SDAJ-Flyer offensichtlich noch mal explizit erwähnt werden. Auch die Formulierung „(…) als ihre Synagogen brannten (…)“ stößt uns auf. Da wird mit dem Finger auf die Juden gezeigt, denen die Synagogen gehörten. Als wären sie tatsächlich ein „Fremdkörper im deutschen Volke“, wie sie von den Nazis bezeichnet wurden.

„Doch den nächsten Krieg gewinnt der Tod!“ Da drängt sich doch die Frage auf, ob die Reichspogromnacht wirklich als Vorstufe des 2. Weltkriegs zu betrachten ist, oder nicht eher als Ausdruck des grassierenden Antisemitismus in Deutschland. Und wer hat eigentlich den letzten Krieg gewonnen? In Bezug auf den 2. Weltkrieg (als kleine geschichtliche Nachhilfe) müssen wir wohl klar stellen: Es war nicht der Tod! Es waren die Vereinigten Staaten von Amerika, die Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich!

In diesem Sinne gedenken wir der Opfer der Reichspogromnacht sowie aller anderen Opfer des Nationalsozialismus.

Nie wieder Faschismus!
Nie wieder Deutschland!