Islamismus

2008

Islamismus

Der Antifa AK Köln hat im September anlässlich des Pro-Köln- Kongresses zu einer Gegendemonstration unter dem Motto „Fight the Game! Rassismus, Islamismus, Nationalismus und Kapitalismus bekämpfen!“ aufgerufen. Beim durchschnittlichen Linken stellen sich dabei sofort die Nackenhaare hoch. Rassismus, Nationalismus und Kapitalismus bekämpfen ist ja schön und gut und auf jeden Fall unterstützenswert. Aber Islamismus? Hat nicht Pro-Köln selber gegen den Islamismus mobilisiert? Wie kann es dann sein, dass auch die doch eigentlich linke Gegenveranstaltung gegen den Islamismus aufruft? Und wie verträgt sich ein Kampf gegen den Islamismus überhaupt mit den beiden anderen Forderungen nach Antirassismus und Antinationalismus? Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich das Phänomen Islamismus mal etwas genauer anschauen. Dazu zunächst ein kurzer Blick auf die Geschichte des Islamismus.

Der Islamismus als politische Strömung entstand gegen Anfang des 20. Jahrhunderts. Wichtigster Protagonist der Anfangsphase war der Ägypter Said Qutb, der mit seinem Propaganda-Pamphlet „Unser Kampf gegen die Juden“ das Standardwerk des islamistischen Antisemitismus verfasste. Ebenfalls in Ägypten gründete sich zu etwa der gleichen Zeit die Muslimbruderschaft, die bis heute eine der wichtigsten islamistischen Organisationen bleibt. Zu ihren Ablegern gehört unter anderem die palästinensische Hamas.

Anfangs konkurrierte der Islamismus noch mit eher säkularen Ideologien, wie antikolonialen Nationalismen und vor allem dem so genannten Panarabismus, der einen Zusammenschluss aller arabischen Länder anstrebte. Dabei gab es auch vereinzelt Zusammenarbeit zwischen den beiden Strömungen, wie sie sich vor allem in der Person des so genannten „Großmuftis von Jerusalem“, Mohammed Amin al-Husseini zeigte. Dieser rief die arabisch-palästinensische Bevölkerung schon 1920 zu antijüdischen Pogromen auf. Beide Strömungen, also arabisch-nationalistische und islamistische, richteten sich explizit gegen die jüdische Einwanderung nach Palästina, die sie mit modernisierenden Bestrebungen und moralischem Zerfall gleichsetzten. 1927 wurden die antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“ erstmals ins Arabische übersetzt und errangen seitdem einen riesigen Stellenwert in der islamistischen Ideologie. Mit dem Aufstieg des Faschismus und Nationalsozialismus in Europa bildeten sich auch im Nahen Osten immer mehr Gruppen, die die faschistische Ideologie zumindest teilweise übernahmen, wobei vor allem der Antisemitismus immer stärkeren Zuspruch fand. Auch für diese Entwicklung war al-Husseini eine Schlüsselfigur. Er wollte Islam und Nationalsozialismus verbinden, wobei er auf die Unterstützung von Seiten der Nationalsozialisten als auch der Muslimbruderschaft zählen konnte. Diese unterstützte mit einem Aufruf unter anderem den so genannten „Arabischen Aufstand“ von 1936, in dessen Verlauf Tausende Juden im Nahen Osten getötet wurden. Die deutschen Nationalsozialisten unterstützen während des Zweiten Weltkriegs massiv islamistische und panarabistische Gruppen, um auch im Nahen Osten die Judenverfolgung fortsetzen zu können und Unterstützung im Kampf gegen die Briten zu erhalten.

Diese, auch ideologische Unterstützung, zeigte auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch anhaltende Wirkung. Während Faschismus und Antisemitismus in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest offiziell als unerwünscht und im Grunde auch besiegt galten, schwärmten im Nahen Osten weiterhin Staatsführer von Hitler und der nationalsozialistischen Ideologie. Einige ehemalige Nazi-Größen tauchten im Nahen Osten wieder auf und gewannen dort teilweise auch einigen Einfluss. In Ägypten wurde nach dem Muster der Gestapo eine Geheimpolizei zur Überwachung der ägyptischen Juden gegründet, Hitlers „Mein Kampf“ wurde ins Arabische übersetzt und im arabischen Militär verteilt.

Diese faschistische und antisemitische Grundstimmung erhielt durch den ,unter dem Eindruck der Shoa und der anhaltenden Verfolgung der Juden gegründeten, Staat Israel noch zusätzlichen Zuwachs. Dabei tat sich vor allem die Muslimbruderschaft hervor, die die Gründung Israels als Ergebnis einer jüdisch-westlichen Weltverschwörung gegen den Islam ansah. Diese Interpretation beruft sich zum Teil auf die im Islam enthaltene Charakterisierung der Juden als schwach und den Muslimen ganz klar unterlegen. Um den israelischen Sieg im Unabhängigkeitskrieg 1948 – und noch stärker den darauf folgenden israelisch-arabischen Kriegen – zu erklären, bedurfte es dieser Weltverschwörungstheorie, da die Juden von sich aus den Muslimen niemals hätten überlegen sein dürfen. Zudem leugnen islamistische Bewegungen mit Vorliebe die Shoa – solange sie ihr nicht gerade affirmativ gegenüberstehen. Ohne die Anerkennung der historischen Tatsache der Shoa wird es natürlich schwer, die Notwendigkeit des Staates Israel ohne Rückgriff auf Verschwörungstheorien zu erklären.

Mit den israelischen Siegen in den Kriegen 1948, 56, 67, 73 und 82 verlor auch die Ideologie des Panarabismus zunehmend an Bedeutung, da er sein Versprechen eines einzigen starken arabischen Staates so offensichtlich nicht erfüllen konnte. Diese ideologische Lücke füllte immer mehr der erstarkende Islamismus. Mit der iranischen Revolution 1979 erhielt die islamistische Bewegung eine weitere Stärkung und entwickelte sich nun endgültig zur hegemonialen politischen Ideologie in den arabischen Ländern.

Die iranische Revolution zwang auch die USA und andere westliche Länder, deren bisheriger stärkster Verbündeter in der Region, der Schah von Iran, nun nicht mehr an der Macht war, sich nach neuen Partnern umzuschauen. Sie fanden den irakischen Diktator Saddam Hussein, dessen Baath-Partei dem panarabischen Spektrum zuzuordnen war. Mit den Waffen, die er von seinen westlichen Partnern geliefert bekam, griff dieser 1980 die Islamische Republik Iran an, was zu einem starken Ansteigen antiwestlicher sowie anti-panarabischer Stimmung im Nahen Osten führte. Den islamistischen Gruppen gelang es, den Großteil dieser Stimmung in Unterstützung für sich selber zu verwerten. Der zweite Golfkrieg 1991 und die Isolation Libyens sowie andere Ereignisse verstärkten diesen antiwestlichen Trend noch weiter. Gleichzeitig rüstete der Westen aber auch in Afghanistan die islamistischen und antisowjetischen Mudjaheddin auf und unterstützte das islamische Königreich Saudi Arabien, welches wiederum islamistische Gruppen förderte, um von dieser Kooperation mit dem Erzfeind abzulenken. In vielen Ländern wurden zudem der Westen und dabei vor allem die USA für die fehlende Entwicklung im Nahen Osten verantwortlich gemacht, da diese mit repressiven Regimes in der Region zusammen arbeiteten. Die Islamisten konnten und können sich so als die echten Volksvertreter darstellen, die sich als einzige gegen die autokratischen Regimes auflehnen und als einzige die Interessen der arabischen und muslimischen Völker durchsetzen können. Die zweite palästinensische Intifada mit den darauf folgenden israelischen Reaktionen, sowie der von den USA geführte Afghanistan- und Irak-Krieg verschafften den Islamisten in den letzten Jahren weiteren Zuwachs.

Was genau ist denn nun die politische Agenda des Islamismus? So genau lässt sich das nicht bestimmen. Dies liegt vor allem daran, dass sich die verschiedenen islamistischen Gruppen selber nicht einig sind und sich teilweise sogar untereinander bekämpfen. Dabei spielen verschiedene Spaltungen eine Rolle, vor allem die zwischen sunnitischen und schiitischen Islamisten, sowie die zwischen friedlichen und terroristisch einzuordnenden Gruppen. Letztere Unterscheidung sollte allerdings nicht zu einer Verharmlosung der friedlicheren Gruppen führen, da diese mit ihrer Propaganda gewalttätigeren Gruppen auch Zulauf verschaffen. Trotz dieser Unterschiede kann man noch genügend Gemeinsamkeiten finden, um den Islamismus als politische Kategorie aufrecht zu erhalten. Im Islamismus – wie im Islam generell – gilt der Koran als die wörtliche Überlieferung Allahs. Anders als bei moderaten oder säkularen Muslimen wird im Islamismus allerdings die Bedeutungssphäre dieser Überlieferung auf die gesamte Welt bezogen. Die Beachtung religiöser Traditionen und Vorschriften ist damit nicht mehr Privatsache, sondern soll für alle Menschen gleichermaßen obligatorisch sein – was notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen sei. Damit ist die ideale Staatsform des Islamismus eine islamische Diktatur, in der Allahs Wort zum Gesetz wird. Die islamische Republik Iran kommt diesem Ideal schon relativ nahe.

Der Islamismus strebt eine homogene Gemeinschaft der Muslime, die so genannte Umma, an, die sich im kleinsten Fall auf die derzeitigen islamischen Gebiete erstreckt, bis hin zu dem Territorium, das der Islam zu seiner Hochzeit besetzt hielt – inklusive beispielsweise Spaniens – und im Idealfall die ganze Welt. Dabei wird die Menge aller Muslime als komplett homogen angesehen, reale Interessenkonflikte werden als Resultat der Abkehr vom wahren Glauben oder als Resultat der Moderne angesehen, meistens zudem als von außen in die Gemeinschaft herein getragen. Als die Träger der Moderne und anderer zersetzender Tendenzen wird im Allgemeinen der Westen identifiziert, ganz konkret in Form des so genannten „Großen Satans“ – den USA – und seines kleinen Partners Israel. Genau wie im Nationalsozialismus werden „die Juden“ für alles verantwortlich gemacht, das als gemeinschaftsschädigend angesehen wird – sei es Kapitalismus, Kommunismus, Frauenemanzipation oder Atheismus. Dieser Antisemitismus nimmt oft genug eliminatorische Züge an – wie sich in der Bewunderung für Hitler oder auch den Äußerungen des iranischen Präsidenten zeigt, der öffentlich seinen Wunsch äußerte, Israel von der Landkarte zu tilgen. Zu diesem Antisemitismus gesellen sich, ähnlich wie bei deutschen Neonazis, ein virulenter Antiamerikanismus – wobei die USA wahlweise als Marionette der Juden und Zionisten oder Israel als Vorposten der USA angesehen werden – und ein völkischer, antimoderner Antikapitalismus. Die Emanzipation der Frau, sowie die Akzeptanz von homosexuellen Lebensweisen, werden konsequent abgelehnt.

Immanent ist dem Islamismus auch etwas, was man als Todeskult bezeichnen könnte. Das diesseitige Leben wird im Prinzip nur als Vor- bzw. Durchgangsstufe zum Paradies angesehen. Es dient nur dazu, zu beweisen, dass man des Paradieses würdig ist. Damit ist die emanzipatorische Suche nach dem menschlichen Glück im diesseitigen Leben irrelevant geworden, im Zweifelsfall sogar schädlich für die Beitrittschancen ins Paradies. Aus einer derartigen Logik, gepaart mit einer Ideologie, die das Kollektiv stets und überall über das Individuum stellt, ergibt sich auch die besonders perverse Kampfform des Selbstmordattentates. Die Attentäter sehen in ihrem diesseitigen Leben keinen Wert an sich, sie sind bereit, es zu verlassen, wenn ihnen dafür ein ewiges Leben im Jenseits winkt.

Und genau hier muss eine linke, emanzipatorische Kritik des Islamismus ansetzen, im Gegensatz zu der Kritik, die von Gruppen wie Pro Köln, aber auch Teilen der CDU und der anderen Parteien ausgeübt wird. Diese Parteien sehen den Konflikt mit dem Islamismus unter kulturalistischen Voraussetzungen. Die antiemanzipatorischen Bestandteile des Islamismus – und darüber hinaus meistens des Islam generell – werden als im Gegensatz zu der christlich-abendländischen Leitkultur gesehen. Diese gilt dabei als per se fortschrittlich und aufklärerisch. In der Konsequenz sind es dann also nicht diese antiemanzipatorischen Bestandteile, die es zu kritisieren gilt – also Antisemitismus, Antiamerikanismus, Antimodernismus, Konformitätszwang usw. – sondern der Islam gilt als kulturell rückständig. Zugleich werden sowohl das eigene Lager – also das Abendland, der Westen, Europa, Deutschland, oder auf welchen Begriff man sich in dem Moment halt grad geeinigt hat – als auch das gegnerische – der Islam, die Moslems, der Orient – eben als einheitliche Lager gesehen, wo alle die gleichen Meinungen, Interessen, Weltanschauungen haben. In dieser Sicht müssen die beiden Lager gleichsam natürlich gegnerisch aufeinander treffen – es muss zwangsläufig zu einem „Clash of Civilisations“ kommen. Diese Sichtweise übersieht bzw. unterschlägt zwei ganz wichtige Tatsachen. Zum einen sind antiemanzipatorische Inhalte wie Antisemitismus in keiner Weise auf das so genannte „islamische Lager“ beschränkt. Gerade in Deutschland sind Antiamerikanismus und Antisemitismus seit einigen Jahren wieder stark im Anstieg begriffen. Der moderne Antisemitismus wurde zudem erst durch europäische Kolonisatoren und später durch Deutschland-freundliche Islamisten in den Nahen Osten getragen – wobei er dort natürlich auf fruchtbaren Boden fiel und sehr schnell Wurzeln schlagen konnte. Dabei hat der moderne Antisemitismus im traditionellen Islam eigentlich eine viel schwächere Grundlage als im traditionellen Christentum. In letzterem wurden die Juden von Anfang an als Gottesmörder gesehen, die Jesus ans Kreuz gebracht hätten. Die Essenz der Idee des absoluten Bösen, das sich angeblich in den Juden personifiziert, ist hier also schon angelegt. Im traditionellen Islam hingegen sind die Juden zwar ganz sicher nicht den Muslimen gleichberechtigt. Allerdings werden sie – genau wie die Christen – als Religion des Buches anerkannt, die zumindest schutzberechtigt sind. Der Islamismus stellt sich also in seinem mörderischen Antisemitismus ganz klar gegen den traditionellen Islam.

Zum anderen sind die beiden angeblichen Lager natürlich in keiner Weise so geeint, wie es in dieser Sichtweise erscheinen könnte. Es ist schon seit jeher der Traum der Rechtskonservativen, aber natürlich auch vieler Linker, auf der ganzen Welt, die eigene Nation oder Kultur als homogene Masse anzusehen. Wirtschaftliche, soziale, lebensweltliche Spaltungen werden als irrelevant abgetan oder gar als von außen herein getragen, um die Eigengruppe zu spalten und so zu schwächen. Und genau diese kulturalistische Sichtweise gilt es aus linker, emanzipatorischer Sicht zu kritisieren. Sie ist es, was Islamisten, christliche Fundamentalisten oder Verteidiger des Abendlandes wie Pro Köln eint. Alle sehen sie die Welt in kulturelle oder ethnische Gruppen aufgeteilt, die tendenziell einheitlich, unveränderbar und vor allem unvereinbar sind. Linke Kritik des Islamismus, genau wie des Nationalismus und des Rassismus muss sich von einer solchen Weltsicht ganz klar distanzieren. Dazu gehört unter anderem auch die Abkehr vom Multikulturalismus, der ja auch von angestammten Kulturen verschiedener ethnischer Gruppen ausgeht, die es nur zu versöhnen und tolerieren gelte, hin zu etwas, was man als Antikulturalismus bezeichnen könnte. Zusätzlich muss eine wahre links-emanzipatorische Kritik den absoluten Vorrang des Individuums vor dem Kollektiv herausstellen. Die individuelle Suche nach dem Glück darf nicht länger als etwas gemeinschaftsschädigendes und egoistisches kritisiert werden, sondern muss als Ziel und Grundlage jeder Emanzipation angesehen werden. Die lustfeindliche und Individualismus-feindliche Einstellung vieler so genannter Linker ist von der der Islamisten und Nationalisten aller Länder oft kaum mehr zu unterscheiden.

Dabei muss sich eine linke in gewisser Weise ambivalent zur bürgerlichen Gesellschaft stellen. Diese muss natürlich einer schonungslosen emanzipatorischen Kritik unterzogen werden, die sie als Grundlage aller antiemanzipatorischen Bestrebungen erkennt und gleichzeitig als Ausgangspunkt ihrer eigenen negativen Aufhebung in der Barbarei. Gleichzeitig muss diese bürgerliche Gesellschaft aber gegen eben diese antiemanzipatorischen Bestrebungen verteidigt werden, in der Erkenntnis, dass in ihr zumindest eine teilweise Emanzipation, nämlich die politische, schon gelungen ist, wenn auch die endgültige Befreiung des Menschen, die menschliche Emanzipation, nur in einer Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft gelingen kann. In diesem Sinne darf sich eine wirklich emanzipatorische Linke, die diesen Namen verdient, sich nie mit solchen antiemanzipatorischen Kritikern der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie Islamisten genau wie Faschisten darstellen, solidarisieren. Sie muss die Kritik an solchen Tendenzen auch im Angesicht gegen einen falsch verstandenen Antirassismus aufrechterhalten. Gleichzeitig darf sie dabei nicht die eigene Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft vernachlässigen oder sich mit rassistisch-reaktionären Vaterlandsverteidigern gemein machen. In diesem Sinne:

Fight the Game! Rassismus, Islamismus, Nationalismus und Kapitalismus bekämpfen!