Nazi-Punks

Leute innerhalb der Punkszene, die sich explizit zu Nationalismus, Rassismus und Herrenmenschentum bekannten, gab es schon fast von Anfang an. Bereits 1978 formierte sich in der rechtsextremen „British National Front“ eine Jugendorganisation mit dem Namen „Punk Front“. Einige Punkbands spielten auch auf dem ersten der rechtsextremen „Rock against Communism“-Festivals, die in Großbritannien als Antwort auf die beliebten „Rock against Racism“-Konzerte veranstaltet wurden. Mit dem Wiedererstarken der Skinhead-Bewegung Anfang der 80er-Jahre verschob sich allerdings der Fokus rechtsextremer Bewegungen, und explizit rechtsextreme Positionen innerhalb der Punkszene blieben eine Randerscheinung.

Obwohl es auch heutzutage noch einige explizit rechtsextreme Bands gibt, die sich selber der Punkszene zuordnen, liegt die Problematik mittlerweile eher in den so genannten Grauzonenerscheinungen. Verschiedene Versatzstücke rechtsextremer Ideologie oder Kontaktpunkte zu dieser finden sich bei den verschiedensten Bands und natürlich auch Einzelpersonen, selbst bei solchen, die sich persönlich ausdrücklich als linksgerichtet einordnen würden. Auch in Halle ist es keine Seltenheit, abends auf dem Marktplatz Punker sitzen zu sehen, die sich zur Musik von Landser betrinken. Andere lassen sich das Hakenkreuz oder Sprüche wie „Pro Patria“, also „Fürs Vaterland“, tätowieren oder laufen mit T-Shirts diverser rechtsextremer Bands und Organisationen herum. Als eher lächerliche Skurrilität lässt sich sicherlich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Landser-Fans gegen Rechts“ einordnen. Ein etwas anderes Problem weist z.B. die Hallenser Band „City Cracks Down“ auf, die eine Weile lang Sven Schwarz zu ihren Mitgliedern zählte. Dieser war vor etwa sechs Jahren einer der führenden Neonazi-Aktivisten in Halle und gab unter anderem die „Blood&Honour“-Zeitschrift „The New Dawn“ sowie die zwar heidnisch-germanisch angehauchte, aber dennoch eindeutig dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnende Zeitschrift „Die Tat“ heraus. Zwischendurch war Schwarz zwar mal ein paar Jährchen abgetaucht, hat sich aber nie eindeutig von seiner Neonazi-Vergangenheit distanziert. Und so einer darf dann plötzlich in einer nominell antifaschistischen Punk-Band spielen…
Um das Problem von Anknüpfpunkten rechtsextremer Positionen im Punk noch etwas weiter zu beleuchten, wollen wir jetzt Lieder von einigen Bands vorstellen, in denen rechte bis rechtsextreme Versatzstücke verbreitet werden. Die meisten dieser Bands ordnen sich selber im linken Spektrum ein.
Eines der deutlichsten Beispiele, das vor allem bei dieser Band extrem verärgert, ist das Lied „Yankees Raus“ von der Deutschpunkkultband Slime. Die offensichtlichsten Probleme des Liedes liegen schon bei dem Titel auf der Hand: es propagiert einen krassen Antiamerikanismus, wie er schon seit jeher gerne in der Traditionslinken gepflegt wird, der aber auch perfekt in das Weltbild der Neonazis passt. Hier sind die Amerikaner der Grund für alles Übel der Welt, für Armut und Krieg und den Kapitalismus sowieso. Vergessen wird dabei immer sehr gerne, dass es unter anderem die Amerikaner waren, die der deutschen Barbarei ein Ende setzten und die Welt vom Nationalsozialismus befreiten. Darüber hinaus transportiert das Lied eine latente Fremdenfeindlichkeit: die so genannten „Yankees“ sollen raus, also in diesem Sinne zugespitzt „Deutschland den Deutschen“ überlassen. Dass sich diese Fremdenfeindlichkeit nicht wie üblich gegen tendenziell unterprivilegierte Gruppen richtet, ändert nichts an der Grundeinstellung. Zum Ende des Liedes kommt es noch zu einer besonders verqueren Geschichtsverdrehung: „in diesem Land sind alle gleich, so gleich wie im Dritten Reich“ singt die Band…inwiefern die prinzipielle Gleichheit der Möglichkeiten in den USA mit der erzwungenen Konformität des Nationalsozialismus gleichzusetzen ist, diese Erklärung bleiben Slime schuldig.
Ein weiteres, leider auch in der linken Szene sehr weit verbreitetes Ressentiment zeigt die spanische Ska-Band Ska-P in ihrem Lied „Intifada“: den als Antizionismus getarnten Antisemitismus. Die Band ergreift hier sehr explizit Partei für den angeblich legitimen Widerstand der Palästinenser gegen das so genannte israelische Besatzungsregime. Dass die Band am Ende des Liedes beteuert, selber atheistisch zu sein und niemanden aufgrund seiner Herkunft oder Religion zu bewerten, ändert nichts daran, dass das Lied insgesamt eine Solidaritätserklärung für antisemitische Terrorbanden ist, die den Staat Israel und mit ihm gleich alle Juden lieber heute als morgen ins Mittelmeer stürzen würden.
In eine ähnliche Kerbe schlägt die schottische Punkband „Oi Polloi“, die ja auch schon öfters in Halle aufgetreten ist und dabei teilweise für erhebliche Kontroversen gesorgt hat. Ihre Lieder sind meist vergleichsweise harmlos, gerne machen sie Plädoyers für mehr Umweltschutz oder beschreiben, wie sie den „Faschobanden“ in ihrer Gegend das Leben schwer machen. Hier werden höchstens mal die USA angegriffen, was ja anscheinend eh für jede echte Punkband ein Muss zu sein scheint, oder aber schnell mal Nationalsozialismus und Stalinismus gleichgesetzt. Aber gerade in Interviews oder dem konkreten politischen Engagement vor allem des Sängers offenbart sich die zutiefst problematische Einstellung der Band. Da wird regelmäßig positiv Bezug genommen auf irgendwelche ethnisch definierten Volksgemeinschaften, sei es nun die schottisch-gälische der Band selbst, die von den bösen Engländern unterdrückt wird und deren Sprache und kulturelle Eigenständigkeit unbedingt bewahrt werden müssen, oder das palästinensische Volk, das von den bösen Israelis von seinem angestammten Boden vertrieben wurde. Solche völkische Blut-und-Boden-Rhetorik scheint die Band tatsächlich mit ihrem angeblichen Antifaschismus versöhnen zu wollen.
Doch zurück nach Deutschland. Sehr weit verbreitet ist es in der hiesigen Punkszene, sich zu Deutschland als seinem Vaterland zu bekennen. So konnte man schon am Rande diverser Demonstrationen auch in Halle hören, dass die Punker zwar gegen Nazis seien, dabei aber dennoch einen positiven Bezug zu ihrem deutschen Vaterland hätten. Solch ein angeblich reingewaschener Nationalismus ist beispielsweise auch in einem Lied der Band „Kalte Krieger“ zu hören, das sinnvollerweise gleich „Made in Germany“ heißt. Die Band beschwert sich in dem Lied, dass sie im Ausland als Deutsche stets nur als Nazis angesehen würden. Dabei sei die Nazizeit doch schon lange vorbei, Deutschland ein Land wie jedes andere und deshalb könne man mittlerweile auch ruhigen Gewissens stolz auf Deutschland sein. Ganz davon abgesehen, dass Deutschland ganz sicher kein Land wie jedes andere ist – von dem Gedanken, dass Konzepte wie Nation oder Staat und vor allem der positive Bezug hierauf generell abzulehnen sind – sicherlich ein Grundgedanke des Punk – von diesem Gedanken bleibt dabei auch nicht mehr viel übrig. Einen Schritt weiter treibt es noch die Hallenser Skinhead-Band „Süffig-Würzig“, die auch in der hiesigen Punkszene gerne als angeblich unpolitische Partymukke goutiert wird. Diese beschimpft in ihrem Lied „Antideutsch“ die Antifa und andere Vaterlandsverschmutzer, die mit ihren Hetzkampagnen das Ansehen Deutschlands ruinierten und nicht einmal einen normalen, gesunden Nationalstolz zuließen. Überhaupt seien diese „Rotfaschisten“ doch auch nicht besser als ihr brauner Gegenpart.
In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch noch die Leverkusener Punkcombo „Obere Heeresleitung“, kurz „OHL“ zu nennen, die von Teilen der Punkbewegung als Kultband gefeiert wird, aufgrund ihrer konservativen Einstellung und ihres Hangs zum Militarismus von anderen Teilen allerdings genauso vehement abgelehnt wird. Politisch könnte man die Band vermutlich in der Nähe der CDU einordnen, sie setzt sich in ihren Lieder gegen so genannten Links- und Rechtsextremismus gleichermaßen ein. Dennoch sorgt auch diese Band dafür, dass Patriotismus und Militarismus in der Punkszene wieder als normal angesehen werden, und öffnet damit der rechtsextremen Szene ein weiteres Einfallstor.
Doch wie kann es eigentlich sein, dass sich in der Punkszene, die sich doch eigentlich von Anfang an als progressive, nonkonforme Jugendbewegung angesehen hat, solche Einstellungen breit machen. Sieht man sich die Texte von alten Punkbands wie den Sex Pistols oder vor allem auch The Clash an, so sind diese sicher nicht immer von großer Intelligenz oder einer tiefgehenden Analyse der herrschenden Verhältnisse geprägt, aber sie enthalten dennoch meist eine tendenziell emanzipatorische Ausrichtung. Positive Bezüge auf die eigene Nation oder das eigene Volk kann man sich bei diesen nur schwer vorstellen. Andererseits wurde zumindest Nazisymbolik auch in den frühesten Punkszenen teilweise schon als Provokation eingesetzt – am berühmt-berüchtigsten vermutlich bei den Sex Pistols, die teilweise mit Hakenkreuz-T-Shirts die Bühne betraten. Dennoch scheint es mir bei der Betrachtung früher Punkszenen noch glaubwürdiger, dass solche Geschichten tatsächlich nur als – zugegebenermaßen dumme – Provokation zu sehen sind, während ein Punk, der heutzutage in Deutschland mit Hakenkreuz-Tattoo rumläuft und sich offensiv zu Deutschland bekennt wohl tatsächlich als Dummnazi abgestempelt werden muss. Woher also diese Ausbreitung antiemanzipatorischer Denkmuster im Punk?
Gerade beim Antiamerikanismus und Antizionismus, teils aber auch bei den vorhandenen völkisch-ethnizistischen Einstellungen liegt die Begründung vermutlich in der alt-linken Sozialisation, durch die die meisten Punks gehen, und die meistens unreflektiert übernommen wird. Amerika steht dabei für die böse kapitalistische Herrscherklasse, die sich die Welt mit einem imperialistischen Programm zueigen machen will, und Israel ist nur der imperialistische Vorposten. Damit einher geht die in der gesamten Linken verbreitete automatische, unreflektierte Parteinahme für den angeblich Schwächeren. Auch der positive Bezug auf angeblich ursprüngliche Kulturen, die man gegen die Zumutungen der Moderne schützen muss und die damit verbundene völkische Grundeinstellung kommt in der gesamten Linken oft zum Tragen. In der sicher nicht gerade theorieaffinen Punkszene werden solche Tendenzen oft noch verstärkt. In Halle sei vielleicht auch noch der starke Einfluss einer stalinistisch ausgerichteten Jugendorganisation genannt, die sich offenbar die Verwandlung sämtlicher Punker in stramme Parteisoldaten zum Ziel gesetzt hat.
Die Erklärung für die Deutschlandaffinität vieler Punker ist weniger einfach zu finden, da diese in den allergrößten Teilen der so genannten radikalen Linken nun wirklich nicht unterstützt wird. Selbst finsterste antiimperialistische Gruppierungen gestehen meist ein, dass die deutsche Nation nicht unbedingt unterstützenswert ist. Erfahrungsgemäß speist sich dieser positive Bezug auf Deutschland bei deutschen Punkern meist aus einem diffusen Zugehörigkeitsbedürfnis nach dem Motto: „Ich komme halt hierher, ich gehöre auch hierhin, das ist meine Stadt, mein Land und dafür muss ich mich doch nicht schämen.“ Damit verbunden ist oft auch die Einstellung, dass andere Leute doch auch stolz sind auf ihr Land und deshalb machen wir das auch – eine eigenartige Art Konformismus. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Nationenbegriff findet einfach nicht statt, man fühlt sich seinem Land zugehörig, weil man das halt so macht. Diese Einstellung ist gerade im Punk, der sich doch sonst immer durch die Abgrenzung gegen Normalität und Konventionen ausgezeichnet hat, besonders irritierend.