17.Juni 1953 – Shit happens!

Am 17. Juni 1953 kam es aufgrund von Arbeitsnormerhöhungen durch das Zentralkomitee der SED im gesamten Staatsgebiet der DDR zu so genannten Arbeiteraufständen. Hunderttausende von Menschen gingen auf die Straße, um ihrem Protest gegen die Politik der DDR Ausdruck zu verleihen. Dabei ging es schnell nicht mehr nur um den konkreten Anlass – die Arbeitsnormerhöhung – sondern um einen generellen Protest gegen das sozialistische System. In der westdeutschen Geschichtsschreibung wurde daraus sofort ein Protest für Freiheit, Demokratie, Marktwirtschaft und deutsche Einheit. Die DDR-Führung sprach hingegen von einer faschistischen, von den imperialistischen Westmächten gelenkten Konterrevolution. Welcher dieser beiden Versionen soll man nun glauben? Sie haben beide ein Körnchen Wahrheit in sich, vernachlässigen aber die wichtigsten Beweggründe des 17. Juni.

Die westdeutsche Geschichtsschreibung hatte sicherlich Recht, dass eines der Hauptziele der Aufständischen des 17. Juni die Wiederherstellung der deutschen Einheit war – übrigens ähnlich wie bei den Montagsdemonstrationen 1989, die dann ja tatsächlich zum Untergang der DDR und der deutschen Wiedervereinigung führten. Dieses Einheitsstreben beruhte aber immer schon auf einem völkischen, geschichtsvergessenen Weltbild. Die Deutschen werden hier als ein organisch zusammengehöriges Volk betrachtet, das aufgrund seiner Blutsverwandtschaft, seiner gemeinsamen Sprache, seiner gemeinsamen Kultur oder auch seiner gemeinsamen Rasse unbedingt zusammen gehöre. Es herrscht hier ein komplett nicht-politisches Bild von Staat und Nation vor, das beide Entitäten immer zusammen denkt und quasi ontologisch als gegeben voraussetzt. Nationen- und Staatsbildung werden also nicht etwa als politischer Prozess angesehen, sondern als natürlicher Prozess, der organisch vonstatten gehen muss. Vor diesem Hintergrund kann die Teilung Deutschlands natürlich nur als Verbrechen gegen das deutsche Volk angesehen werden, da Deutschland als der organisch-staatliche Ausdruck deutschen Volkstums besteht. Dabei müssen natürlich alle historischen Gründe für diese Teilung komplett ausgeblendet werden – also die Verbrechen des deutschen Nationalsozialismus, der deutsche Vernichtungskrieg und das deutsche Menschheitsverbrechen, die Shoa. Die deutsche Teilung wird also nicht als logische Konsequenz für die deutschen Verbrechen, sowie als Vorsorge gegen ein mögliches neues Großmachtstreben Deutschlands gesehen, sondern als reine Siegerjustiz und Ausdruck des bei den Alliierten vorhandenen Anti-Germanismus.

Im Falle des 17. Juni treten zu diesem völkischen Einheitsstreben ein extremer Hass auf die sowie ein Überlegenheitsgefühl gegenüber der sowjetischen Besatzungsmacht. Diese speisten sich noch aus dem nationalsozialistischen Anti-Bolschewismus und Anti-Slawismus. Zudem waren diese Ressentiments relativ problemlos anschlussfähig an den unter deutschen – auch westdeutschen – Konservativen – aber auch Sozialdemokraten – verbreiteten Antikommunismus. Es kommen hier also zwei verschiedene ressentimentgeladene Stränge zusammen: Zum einen der sich aus hauptsächlich völkischen und nationalistischen Gefühlen speisende Anti-Bolschewismus und Anti-Slawismus. Dieser sah die Sowjets – und im Prinzip alle „slawischen“ Menschen – als Untermenschen, die im Vergleich mit den Deutschen zurückgeblieben und barbarisch seien. Es führte natürlich zu einer zusätzlichen Kränkung der deutschen Volksseele, dass diese Untermenschen in der Lage waren, einen großen Beitrag zur Zerschlagung der doch ach so überlegenen deutschen Volksgemeinschaft zu leisten. Der Sozialismus sowjetischer Prägung wurde zudem als den Deutschen von Außen aufgezwungen angesehen, und dem deutschen Gemüte quasi von Natur aus fremd. Dazu kam der traditionell-konservative Antikommunismus. Dieser darf nicht verwechselt werden mit einer Position, die aus einer Parteinahme für eine liberale, bürgerliche Gesellschaft – die zumindest ein Mindestmaß an menschlicher Freiheit garantieren würde – heraus die diktatorischen und autoritären Merkmale des real existierenden Staatssozialismus kritisiert. Er ist vielmehr ein Ressentiment, welches sich gegen die kommunistische Utopie der klassen- und staatenlosen Weltgesellschaft richtet und für eine ständische, hierarchische, auf traditioneller Autorität beruhenden Gesellschaft eintritt.

Insofern hatte die DDR-Führung nicht gänzlich unrecht, wenn sie in der Bewegung vom 17. Juni gewisse restaurative Elemente sah, auch wenn es sicherlich zu weit gehen würde, diese als durchgängig faschistisch zu bezeichnen und auf der anderen Seite die Politik der DDR natürlich einer ebenso scharfen Kritik unterzogen werden muss. Und insofern hat auch die NPD nicht gänzlich Unrecht, wenn sie sich auf die Tradition dieses „Volksaufstands“ beruft, da sich deren Ziele mit ihren eigenen in bedeutenden Punkten schneiden. Der Aufstand vom 17. Juni war eben nicht, wie heutzutage gerne behauptet wird, die Keimzelle einer freien, demokratischen Gesellschaft in Ostdeutschland. Er war vielmehr eine Bewegung, die die – zumindest partielle – Rücknahme der von den Alliierten erzwungenen Veränderungen anstrebte und ein wiedervereinigtes und nicht „fremdbestimmtes“ Deutschland unter autoritären, nationalistischen und anti-demokratischen Vorzeichen forderte. Bei aller Kritik an den Aufständen des 17. Juni darf man allerdings nicht in die Falle der DDR-Geschichtspolitik tappen – es gab tatsächlich genügend Missstände in der DDR, gegen die man auf die Straße gehen konnte und musste.

Aber interessanter als die tatsächlichen Motive und Ziele der damaligen Aufständischen ist ohnehin der Blick auf die Geschichtspolitik, die zunächst in West- und später im wiedervereinigten Deutschland mit dem 17. Juni getrieben wurde. Noch zu Zeiten des Kalten Krieges – und natürlich bis heute – war das vorrangigste Ziel die – zunächst mal legitime – Kritik an und Deligitimierung des real existierenden Sozialismus. Der 17. Juni konnte hierfür als Tag gewertet werden, an dem eine demokratisch und freiheitlich gesinnte Bewegung gegen einen totalitären Staat auf die Straße ging, und von diesem – bzw. seinen sowjetischen Verbündeten – brutal niedergemetzelt wurde. Er galt damit als weiterer Beweis für die Überlegenheit des bürgerlich-demokratischen Staates und für die Unmenschlichkeit des Realsozialismus. Zu diesem legitimen Argument gesellte sich aber im Rahmen der Totalitarismusdoktrin eine finsterere Motivation. Der real existierende Sozialismus sollte mit Bezug auf den 17. Juni als totalitäres Regime dargestellt und damit mindestens implizit mit dem Nationalsozialismus auf eine Stufe gestellt werden. Dass dies letzten Endes immer auf eine Verharmlosung und Relativierung des Nationalsozialismus hinausläuft, sowie auf eine zumindest teilweise Entschuldung der Deutschen – nach dem Motto: „Schaut her, die anderen sind doch auch nicht besser als wir!“ – muss hier wohl nicht weiter ausgeführt werden. Heutzutage wird diese Argumentation noch mit der „kleineren Schwester“ der Totalitarismusdoktrin, nämlich der Extremismusdoktrin, angereichert. Das bürgerliche Spektrum stellt sich auf der einen Seite gegen die so genannte „Vereinnahmung“ des Gedenkens an den 17. Juni durch die so genannten „Rechtsextremen“ – die aber so problemlos nur möglich ist, weil die Anknüpfungspunkte zwischen bürgerlichem und „rechtsextremem“ Gedenken so vielfältig sind – und beteiligt sich sogar an Störversuchen gegen die Nazidemo. Auf der anderen Seite wird sich gegen die angebliche „linksextreme Verunglimpfung“ des Gedenkens an die Opfer des 17. Juni positioniert. Dieses Verhalten lässt sich im Übrigen keineswegs nur am 17. Juni feststellen, sondern an jedem Tag, an dem das neue Deutschland angeblichen „deutschen Opfern“ gedenkt – am bekanntesten wohl bei den diversen Bombardierungsgedenken in Dresden, Magdeburg und anderen Städten. So kann sich die deutsche demokratische Mitte schön als geläutert darstellen und laut proklamieren, sie hätte aus der Geschichte gelernt, und dabei alles, was außerhalb des gesellschaftlichen Konsenses liegt – oder doch zumindest nicht laut ausgesprochen werden darf – als extremistisch – und damit per definitionem antidemokratisch und totalitär – ausschließen.

Zudem gilt der 17. Juni immer wieder als Beleg für das Einheits- und Freiheitsstreben des deutschen Volkes. Das Einheitsstreben kann man ihm wohl tatsächlich nicht absprechen, die vollkommene Einheit war schon immer der deutschen Volksgemeinschaft höchstes Gut. Allerdings muss man auch bei diesem Argument noch einmal nachhaken. Zum einen ging es der Bewegung des 17. Juni tatsächlich in erster Linie um die Einheit, die Freiheit kam, wie bereits oben beschrieben, dabei oft etwas zu kurz. Zum anderen blendet die Argumentation vollkommen aus, dass der Großteil der Ostdeutschen auch am 17. Juni nicht auf die Straße ging, sondern zu Hause blieb und den Kopf schüttelte über die chaotischen Unruhestifter da draußen. Dieser Großteil der Ostdeutschen hatte sich nämlich mehr oder weniger nahtlos von willfährigen Mitläufern im nationalsozialistischen System zu willfährigen Mitläufern im realsozialistischen System gewandelt. Es war dieser Großteil der Deutschen, der keinerlei Interesse an individueller Freiheit hatte und hat, sondern sich am wohlsten fühlt in der geschützten, autoritären Nestwärme der Gemeinschaft, die sich immer qua Ausschluss aller wie auch immer definierten Volksschädlinge konstituiert. Das Ziel und die Motivation dieser Auslassungen könnten wiederum eindeutiger nicht sein: das deutsche Volk soll als weitestgehend unschuldiger Verführter einer kleinen Clique von diktatorisch bestrebten Parteikadern dargestellt werden; es sei selber an den Verbrechen des jeweiligen Regimes aber in keiner Weise mit Schuld. Die meisten Deutschen hätten sich entweder aufgrund der alles ergreifenden Repression ins Privatleben zurückgezogen oder sich sogar – mutig und ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit oder sogar das eigene Leben – gegen das Regime aufgelehnt und ihr Recht auf Freiheit, Demokratie und natürlich Einheit eingefordert. Diese Argumentation hat sich schon im deutschen Gedenken an den Nationalsozialismus durchgesetzt – beispielhaft zu erwähnen wären hier nur die so genannten Dokumentarfilme eines Guido Knopp. Auch hier waren die Deutschen nur die armen Verführten oder sogar die „ersten Opfer Hitlers“. Das Muster ist klar: das deutsche Volk ist im Prinzip grundgut und freiheitlich und unschuldig, wird aber immer wieder von diversen verrückten und außerdem natürlich fremdländischen Diktatoren als Manövriermasse missbraucht – zuerst vom verrückten Österreicher, später dann vom verrückten Russen.

Das gesamte Gedenken an den 17. Juni beruht also auf vollkommen verdrehten Auffassungen dieses Tages, die sich allerdings nahtlos in die restliche deutsche Geschichtspolitik einfügen. Es geht – wie immer – um die Entschuldung der Deutschen und die Umdeutung der Geschichte in eine Geschichte der deutschen Opfer. Wir sagen hingegen: es ist gibt am 17. Juni weder etwas zu feiern, noch zu gedenken. Da erhob sich eine regressive, autoritäre Volksbewegung gegen einen regressiven, autoritären Staat und zog dabei den Kürzeren. Shit happens!