Die Deutsche Linke und das Mullah-Regime – Turbeltäubchen?

Text der Jugendantifa und 8.Mai Initative Halle zum Iran und der deutschen Linken
www.8maihalle.tk

Die Reaktion der deutschen Linken als Avantgarde des postnazistischen Kollektivs auf die oppositionellen Regungen im Iran weist verblüffende Ähnlichkeiten mit dem Verhalten zum 8. Mai auf. Wenn tausende Menschen gegen das wahnhaft antisemitische Mullah-Regime auf die Straße gehen – und für ihre Freiheit, für universelle Rechte, kurz: für ein angenehmes Leben, so ist das für die deutsche Linke noch lange kein Grund, sich mit ihnen solidarisch zu zeigen. Die Linke halluziniert sich lieber eine westliche, das heißt: amerikanisch-israelische Verschwörung gegen den größten Antiimperialisten aller Zeiten Ahmadinedschad herbei und denunziert das Streben nach Meinungs- und Wahlfreiheit, nach dem Recht sich seinen eigenen Kleidungsstil zuzulegen und abends auf der Party auch mal ein Bier zu trinken, kulturrelativistisch und in bester antisemitischer Manier als westlich-imperialistische Dekadenz, als den Versuch, das urwüchsige islamisch-iranische Volk zu zersetzen und seine Widerstandskraft zu schwächen. Wir lassen pars pro toto Jürgen Elsässer zu Wort kommen:

„Hier wollen Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals eine Party feiern. Gut, dass Ahmadinedschads Leute ein bisschen aufpassen und den einen oder anderen in einen Darkroom befördert haben.“

Die Verschwörung des Finanzkapitals verbündet sich mit den Miezen, die es doch tatsächlich wagen, den Wunsch nach Disco, Party, das heißt: einem schönen Leben, öffentlich zu formulieren und sich nicht dem khomeinistisch-elsässerischen Ideal der keuschen, letzlich asexuellen islamischen Frau beugen wollen. Der Vernichtungswunsch ist in der Formulierung vom Darkroom vollkommen unversteckt ebenfalls gleich inklusive.

Die iranische Opposition versucht im Moment genau das, was den Deutschen nie gelang und auch gar nicht gelingen konnte, weil sie es nie wollten: ein wahnhaft antisemitisches Regime zu stürzen, sich nicht zum Komplizen, zum Volksgenossen der Vernichtung zu machen. Die Iraner halten damit den Deutschen – und hier gilt vor allem immer auch: der deutschen Linken – ihr eigenes historisches Versagen vor. Das was die Deutschen nicht schaffen konnten, weil sie es nie schaffen wollten; das, was den Deutschen letztendlich von den Alliierten aufgezwungen werden musste – die Zerschlagung des antisemitischen Mordkollektivs, die Befreiung des Individuums aus der Volksgemeinschaft – das versuchen die Iraner dieser Tage aus eigener Kraft zu erreichen. Im Gegensatz zu den Deutschen wollen die Iraner kein Leben im und für das Kollektiv, wollen sie als Individuen gegen die antizionistisch-antisemitischen Vernichtungspläne ihrer Regierung vorgehen.

Dabei zeigt sich die iranische Oppositionsbewegung zumindest in Teilen in einer der deutschen Linken verabscheuenswerten – und gerade deshalb zutiefst sympathischen – Form. Anders als die zu jeder Zeit von der Linken geliebten nationalen Befreiungsbewegungen tritt sie nicht als ein Kollektiv von Gleichgesinnten auf. Widersprüche werden nicht mit Verweis auf das große revolutionäre Endziel überspielt und weggewischt – überhaupt sind relativ wenige große revolutionäre Gesellschaftsentwürfe zu erkennen. Die Protestierenden im Iran wünschen sich ein Leben, das sie für sich selber leben können, ein Leben, das keinem Volk, keiner Religion, aber eben auch keiner großartigen Bewegung verschrieben ist, sondern das ihnen allein gehört. Und sie sehen, dass ein solches Leben unter dem islamischen Regime nicht möglich ist – und dagegen protestieren sie.

Die deutsche Linke – darin vollkommen im Einklang mit der angeblich doch so verhassten, weil rechts orientierten Mehrheitsgesellschaft – exerziert am Iran projektiv den eigenen Hass auf die bürgerliche Moderne. Diese wurde ihnen nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs von den Alliierten – zumindest den westlichen – aufgezwungen. Die Deutschen hatten bis zum letzten Blutstropfen gekämpft, um diese Moderne in ihrem Land zu verhindern – und sie haben es indirekt auch geschafft. Zwar hat Deutschland heutzutage oberflächlich alle Institutionen und Rechte eines normalen bürgerlichen Staates – Parlament, Gewaltenteilung, Meinungs- und Pressefreiheit usw. Diese werden jedoch höchstens mit Widerwillen anerkannt, weiterhin wird alles, was dem Deutschen als zu modern, zu freiheitlich, mithin: zu westlich gilt, als zumeist amerikanische Erfindung zur Schwächung der deutschen – oder immer öfter auch: europäischen – Kulturnation denunziert. Innenpolitisch zeigt sich das in aller Deutlichkeit an Kampagnen gegen den amerikanischen Kulturimperialismus, an Forderungen nach Deutschquoten im Musikradio, oder, wunderbar links und kritisch und antikapitalistisch gewendet: an dem Farbanschlag auf die nächste McDonalds-Filiale. Außenpolitisch schaffte es ausgerechnet die Regierung, die mit Auschwitz den ersten deutschen Krieg seit 1945 begründete, sich nur einige Jahre später wiederum mit Verweis auf Auschwitz als die Größte Friedensmacht Aller Zeiten darzustellen – unter kräftigem Beifall aller Teile der deutschen Gesellschaft, vor allem natürlich wiederum der Linken. Das Muster dabei scheint klar – Kriege zur Aufteilung von Ländern in ethnisch-homogene Kleinststaaten – wunderbar! Kriege zur Beseitigung eines antisemitischen Diktators – schlecht, weil völkerrechtswidrig und ohnehin nur auf Öl aus! Oder anders gesagt, wie kürzlich in einer deutschen Realschule überhört: „Wenn die Amerikaner Krieg führen, geht es immer ums Öl. Wenn die deutschen Krieg führen, bauen sie Krankenhäuser!“

Dieser Hass auf die Moderne, auf das angeblich Amerikanisch-Westliche erklärt auch, warum die Linke – die sich im Normalfall mit jeder noch so reaktionären Bewegung solidarisiert, solange sie in irgendeiner Weise revolutionär scheint und nur möglichst oft das Wort Volk benutzt – für die tatsächlich im positivsten Sinne revolutionären Aufständischen im Iran kein gutes Wort finden können. Genau die Werte, die Freiheiten und Rechte, die den Deutschen nach dem 8. Mai zumindest oberflächlich von den Alliierten aufgezwungen wurden, fordern die Iraner jetzt für sich selber ein. Und genau wie die deutsche Linke schon damals nicht bereit war, den progressiven Gehalt von Meinungs- und Pressefreiheit, von bürgerlicher Individualität gegenüber (national-)sozialistischem Volksgenossentum anzuerkennen – genauso wenig kann sie sich heute mit der Opposition im Iran solidarisieren. So ist es auch zu erklären, dass die Linke – die, wie bereits erwähnt, sich mit jeder sonstigen Volksbewegung solidarisiert, auch und gerade wenn sie zum bewaffneten Kampf aufruft – im Falle des Iran die bewaffnete Auseinandersetzung, also den Krieg zum Sturz des Mullah-Regimes wieder als das schrecklichste aller Übel entdeckt. Genau die Linke also, die am 8. Mai nichts besseres zu tun hat, als sich über das Zeigen von Fahnen der Alliierten und den Dank an deren Armeen aufzuregen – genau diese Linke entdeckt auch im Iran zum bescheuertsten aller Zeitpunkte ihren unumstößlichen Pazifismus und beweist damit letztendlich nur wieder, dass sie nicht bereit und in der Lage ist, Individualität und universelle Rechte gegenüber Volksgemeinschaft und bodenständigem Kulturrelativismus zu bevorzugen – ja, sie letztere sogar mit Hand und Fuß und im Notfall auch mit „Hammer, Sichel und Gewehr“ (SDAJ) gegen die westlich-imperialistische Bedrohung verteidigen würde.

So gilt es, auch und gerade am 8. Mai, sich mit der iranischen Oppositionsbewegung zu solidarisieren, und zu hoffen, dass diese für sich erkämpfen kann, was den Deutschen aufgezwungen werden musste: Individualität, Freiheit und die Hoffnung auf ein besseres Leben.