Demo: Feiern gegen die Provinz – Landflucht vorantreiben

„Feiern gegen die Provinz – Landflucht vorantreiben“
Demo: Halle (Saale) 19.Juni 2010
15 Uhr Steintor.

Gleich und gleich gesellt sich gern…
…und aus diesem Grund, wollen wir die Merseburger dieses mal mit ihren Nazis alleine lassen, anstatt das Feigenblatt für sie zu spielen. Dafür veranstalten wir in Halle eine Partydemo auf der Route, welche die Nazis in den letzten Jahren immer laufen wollten, es aber nie geschafft haben.

www.provinzflucht.blogsport.de

Redebeitrag:

Mein Merseburg? Euer Merseburg !

Warum wir „Tanzen gegen die Provinz – Landflucht vorantreiben“ und nicht Merseburg „bunt“ machen wollen.

Die Dom- und Hochschulstadt Merseburg, die Stadt, welche damit wirbt, „Heimstätte der Merseburger Zaubersprüche, das einzige älteste althochdeutsche Sprachzeugnis germanischen Heidentums“ (merseburg.de) zu sein, ist mit diesem Besitz und seinem alljährlichen Folklorespektakel, dem Merseburger Schlossfest, vor allem auch Eins: eine typische ostdeutsche Kleinstadt. Neben dem gemeinsamen Stadttypus und der geographischen Lage hat sie mit den anderen Kleinstädten in Ostdeutschland die Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Langeweile, Lethargie und Bedeutungslosigkeit gemein. Ostdeutsche Kleinstädte versuchen zwar jedes Ereignis und jede Gegebenheit als herausragend darzustellen – so preisen sie sich beispielsweise oft als touristische Perlen und Merseburg ist in dieser Hinsicht durchaus empfehlenswerter als beispielsweise Köthen, Burg oder Laucha – aber der Alltag sieht bei allen gleich aus. Und dieser ist neben den oben genannten Faktoren, vor allem durch eine „Normalisierung rechter und rassistischer Angriffe, die für viele alternative Jugendliche und junge Erwachsene sowie Flüchtlinge und MigrantInnen mittlerweile zum Alltag gehören(…). Der Rückgang von Anzeigen zeigt zudem das anhaltende mangelnde Vertrauen der Betroffenen und ihres sozialen Umfelds in Polizei und Justiz. Ein weiterer Grund könnte die lokale Etablierung rechter Dominanzräume in einigen Regionen Sachsen-Anhalts sein mit der Konsequenz, dass diese nicht mehr täglich mit Gewalt durchgesetzt werden müssen.“ (Mobile Opferberatung)
Diese Etablierung erfolgt mit regelmäßigen und zum Teil äußerst brutalen Angriffen. So auch geschehen in Merseburg am 24.April 2010, wo ca. 30 vermummte Neonazis eine Gruppe Jugendlicher mit Eisenstangen und Baseballschlägern angegriffen und zum Teil schwer verletzt haben. Dieser Angriff war der bisher vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe von Angriffen auf vermeintlich „undeutsche“ Menschen. Allein im Jahr 2009 kam es zu mindestens drei Angriffen und Bedrohungen bis zu Todesdrohungen. 2007 kam es laut der Chronik der Mobilen Opferberatung für Rechte Gewalt sogar zu sechs registrierten Übergriffen, die Dunkelziffer liegt höher.
Bei der Bevölkerung wird so etwas schnell als normale Prügelei zwischen Jugendlichen abgetan und damit kommentiert, dass man sich früher auch mal geprügelt hätte; so etwas gehöre halt dazu. Von Neonazis will man nichts wissen und man kennt natürlich auch keinen. Sollte der Nachbar dann doch einer sein, dann beschwichtigt man ganz schnell mit der Antwort, dass dieser doch eigentlich ganz nett und manche seiner Ansichten auch nicht so verkehrt seien. Man fühlt sich wohl, solange das Nest schön warm und sauber bleibt. Deshalb werden auch immer wieder die Menschen, welche neonazistischen Umtrieben und fest verankerten regressiv-rechten Meinungen in der Allgemeinbevölkerung von Ostdeutschland entgegentreten, von Xenophobie, ausgeprägter Homophobie, überkochenden antiwestlichen Ressentiments bis hin zum Antisemitismus in all seinen Facetten, als Netzbeschmutzer beschimpft.
Greift die überregionale Öffentlichkeit mal einen Skandal oder einen besonders brutalen Angriff auf, so herrscht Allerorten helle Aufregung.
Denn Eines wissen die jeweiligen Ortsverantwortlichen im Unterbewusstsein ganz genau: Sollte doch jemand mal auf die Idee kommen, nicht nur nach den Nazis zu fragen, sondern sich den Ort, die Menschen, deren Meinungen und Stimmung genauer anschauen – das Ergebnis wäre katastrophal. Die regressive, autoritäre Stimmung, welche nur durch die Apathie der Bevölkerung im Zaum gehalten wird, würde zum Vorschein kommen. Die – im Osten ohnehin kaum vorhandene – Zivilgesellschaft regt sich dabei nicht etwa auf, weil dieser Zustand an sich skandalös ist und ein schönes Leben für ein Jeden unmöglich macht, sondern weil sie um ihren „guten“ Ruf in den Tourismussendungen besorgt ist.
So schrieb der Merseburger Bürgermeister nach dem Angriff am 24.April an die Betroffenen des Angriffs, dass die Demo, welche zur Solidarisierung mit dem Betroffenen am 26.April von antifaschistischen Jugendlichen organisiert wurde, gezeigt habe, dass Merseburg hinter den Betroffenen und gegen Neonazis steht.
Dumm nur, dass weder die Merseburger Bevölkerung, noch der Bürgermeister oder jemand aus seinem Umfeld an dieser teilnahm. Andernfalls wüsste er nämlich, dass in einem Redebeitrag der Veranstalter explizit darauf hingewiesen wurde, für solche Instrumentalisierungen nicht zur Verfügung zu stehen:
„von einem ‚Naziproblem‘ [will man] nichts wissen. Erst, wenn, wie am letzten Samstag, ein ‚Naziproblem‘ nicht mehr zu leugnen ist, weil diese mal wieder eine besonders verabscheuungswürdige Tat vollbringen, ist die ganze Stadt in helle Aufregung versetzt und betont wie „bunt“ sie doch sei. Doch genau darum geht es uns heute nicht. Wir wollen nicht aufzeigen wie bunt Merseburg ist, die meisten Teilnehmer unserer Demonstration sind wahrscheinlich ohnehin von auswärts angereist. Wir wollen im Gegenteil skandalisieren wie braun diese Stadt ist und dass sich alternative Jugendliche hier weder frei bewegen, noch irgendwohin zurückziehen können. Denn auch wenn gerade keine 30 Neonazis mit Eisenstangen eine kleine Feier überfallen und Leute dabei brutalstmöglich krankenhausreif schlagen, ist diese Stadt nicht viel besser. Wir wollen heute keine Feigenblattdemonstration machen um den Ruf Merseburgs zu retten. [Nicht Merseburgs Ruf steht für uns im Mittelpunkt. Vielmehr wollen wir den Betroffenen unsere Solidarität zeigen, auf welche sie in Merseburg seit Jahren vergebens hoffen.]“
Die Demo bestand zum Großteil aus ortsfremden Personen. Die Merseburger begnügten sich damit, die Demonstration misstrauisch zu beobachten oder gar den Teilnehmern vorzuwerfen, sie würden ihre „Autos abfackeln“ oder die Geschehnisse des 24. Aprils damit zu kommentieren das die Jugendlichen „doch selbst schuld sind, wenn sie in der Nacht in den Park gehen“. Angesicht dieses Verhaltens der Merseburger Bevölkerung liest sich der Brief des Bürgermeisters wie eine offene Verhöhnung.

Am 19. Juni organisieren Neonazis in Merseburg eine Demonstration aus Anlass des 17. Juni 1953. Ziel der Nazis wird sein, wieder einmal unter Beweis zu stellen, wie pudelwohl sie sich in der Enge der ostdeutschen Provinz fühlen – dank kaum zu leugnender ideologischer Übereinstimmungen mit einem Großteil der dortigen Bevölkerung.
Die Merseburger Zivilgesellschaft hingegen wird versuchen, diese Übereinstimmungen mit einem großen demokratischen Mobilisierungserfolg zu leugnen und zu verschleiern. Zumindest an diesem einen Tag soll der ostdeutsche Kleinstadtmief durch die Frische einer weltoffenen Gesellschaft übertüncht werden. Vorbild ist ohne Zweifel die Blockade des neonazistischen „Trauermarsches“ am 13. Februar diesen Jahres in Dresden. Aber auch dieser größte Erfolg der demokratischen und weltoffenen Zivilbevölkerung seit langem wurde nur mit Hilfe einer bundesweiten Mobilisierung, und das Herankarren von antifaschistischen Helfern aus allen Himmelsrichtungen bewerkstelligt. Da Merseburg dazu nicht die Möglichkeit hat, wird die Mobilisierung der eigenen Bevölkerung wohl besser ausfallen müssen als in Dresden – dank des überaus aktiven „Runden Tisches“ sicherlich ein Kinderspiel.

Wir werden uns nicht mit Leuten in eine Reihe gegen Nazis stellen, welche nur „Nazis raus“ rufen und über die Zustände in Merseburg, die dortige Grundstimmung, nicht sprechen oder gar denken wollen. Wer Merseburg, die „Zaubergedichtsstadt“, in einen Zaubermantel hüllt und die Nazis als Ortfremdes herbei halluziniert, dem wollen wir den Schleier entreißen und den grauen Alltag vorhalten.
Den Alltag, den Jugendliche dort haben, die jeden Tag Angst davor haben müssen, angegriffen zu werden, die keine Möglichkeit haben, sich in ihrer Freizeit zu treffen ohne belästigt oder angegriffen zu werden – und die vor allem kein Bock auf Lokalpatriotismus, Deutschtümelei oder homophoben Mist haben.

Stattdessen rufen wir am 19. Juni zur Teilnahme an der Bündnisdemo „Tanzen gegen die Provinz – Landflucht vorantreiben“ in Halle auf, um dort die Neonazis und Merseburg als das darzustellen, was sie sind: Idioten und eine Ostdeutsche Kleinstadt in all den typischen Facetten, welche uns das Leben vermiesen.

Wir demonstrieren dort gegen die Nazis, wo sie die letzten Jahre immer wieder versucht haben, selbst zu laufen, es aber nie geschafft haben, weswegen sie jetzt nach Merseburg ausgewichen sind.
Halle stellt für die regionalen Neonazis wegen seiner Rolle beim 17.Juni 1953 einen wichtige Ort dar, sie wollen sich in einer Reihe mit dem damaligen Volksaufständigen stellen.
Dabei wollen wir keineswegs eine Ehrenrettung des 17.Juni 1953 vornehmen, wie es die BRD-Geschichtsschreibung macht oder einer obskure Verschwörungsvorstellung folgen, wie es die DDR gemacht hat. Wir stellen die Frage, warum es 7 Jahre nach dem Nationalsozialismus zu einem solchen Aufstand gekommen ist, während er in der Zeit des Nationalsozialismus ausblieb?
Warum Millionen Menschen systematisch und industriell umgebracht werden konnten, ohne dass es einen großen Aufschrei oder Protest der deutschen Bevölkerung gegeben hat und eine Arbeitsnormerhöhung dazu führt, dass man zu Tausenden auf die Straße geht?
Ging es letztendlich doch um die Wiederherstellung der mörderischen Volkgemeinschaft, welche durch die Alliierten niedergerungen und geteilt wurde? Der Ruf nach Demokratie und Freiheit existierte bei der breiten Masse nicht in der Weimarer Republik, nicht 1953 und teilweise auch nicht 1989, dort war der Ruf nach der Volksgemeinschaft oder der Einheit Deutschlands (als die Wiederherstellung der schon einmal gewonnenen Volksgemeinschaft) lauter als die Rufe nach Freiheit, Luxus und Leben.

Gegen die Volkgemeinschaft in all ihren Facetten.

Demo „Tanzen gegen die Provinz – Landflucht vorantreiben“ Halle (Saale) 19.Juni 2010
15 Uhr Steintor.