Warum Sangerhausen nicht „bunt“ und die Antifa kein Dienstleistungsunternehmen für braune Regionen ist

Redebeitrag auf der antifaschistischen Demonstration in Sangerhausen gegen das neonazistische Winterfest der Freien Kräfte am 05.03.2011.

Warum Sangerhausen nicht „bunt“ und die Antifa kein
Dienstleistungsunternehmen für braune Regionen ist

Liebe Bürgerinnen und Bürger Sangerhausens,
seit Jahren finden in Sangerhausen und Umgebung neonazistische
Veranstaltungen statt. Ob das „Winterfest“ der freien Kameradschaften, das
Sommerfest der „NPD“ oder diverse Rechtsrockkonzerte von Enrico Marx – es
ist jedes mal das selbe. Entweder es wird ignoriert oder man veranstaltet diverse
Imageveranstaltungen um Sangerhausens Ruf wieder herzustellen. So etwa 2007
als am Vortag zum eigentlichen Ereignis eine „Muffins gegen Rechts“ Aktion im
Rahmen der landesweiten „Hingucken“-Kampagne ins Leben gerufen wurde.
Den Rest des Jahres scheint das Naziproblem nur jene zu tangieren, die von
rechter Gewalt betroffen sind: alternative Jugendliche, MigrantInnen,
Abweichler, Linke und AntifaschistInnen.
Dieses Jahr scheint alles anders zu sein. Plötzlich rufen die Stadtratsfraktionen
zu unserer Antifa-Demo auf und Claudia Roth, Bundesvorsitzende der Grünen,
wird aus Berlin herangekarrt. Kein Wunder, es ist ja auch Wahlkampf in
Sachsen-Anhalt und jeder versucht sich zu profilieren so gut er kann. Die
nächsten Jahre allerdings werden wohl wie die Letzten sein: junge
Antifaschistinnen und Antifaschisten werden dann wieder allein da stehen. Im
Grunde könnte uns das auch egal sein, letztlich zählt Qualität manchmal mehr
als Quantität und lieber demonstrieren wir hier nächstes mal wieder nur mit
jenen, die sich auch den Rest des Jahres fast täglich mit Neonazis
auseinandersetzen, als uns in eine kuschelige Wohlfühlgemeinschaft gegen
Rechts einzureihen.
Nazis irgendwie nicht ganz so toll zu finden ist längst Konsens in Deutschland
geworden. Uns kommt es aber auf die Begründung an. Weder wollen wir
Deutschlands Ruf retten noch Sangerhausen oder andere Provinznester als
„bunt“ darstellen. Das Gegenteil wäre uns nur allzu Recht. Würden all die
Regionen, in denen Nazis den von ihnen gewünschten „national befreiten
Zonen“ so Nahe sind, endlich als das benannt was sie sind: Braun, Ignorant und
auf sich selbst bezogen – und nicht weltoffen und bunt – dann wäre das schon ein
Schritt in die richtige Richtung. Um ein Problem zu lösen muss man es nämlich
zunächst einmal anerkennen statt verleugnen. Die ganzen „Bunt statt Braun“-
Festivitäten wirken allerdings mehr wie die Handlung eines 13-jährigen
Schuljungen, der vor der Schule noch ein Pfefferminzbonbon einwirft um die
Alkoholfahne der letzten Nacht zu vertuschen und sich weiteren Vorwürfen zu
entziehen.
Insgeheim weiss man aber das es ein Problem mit Neonazis in der eigenen Stadt
gibt und diese nicht von Aussen über sie herfallen. Insgeheim weiss man auch,
dass man gar nicht anders kann als Nazis auf symbolischer Ebene entgegen zu
treten und sich mit Lippenbekenntnissen und Imageveranstaltungen gegen sie
zu wenden. Wo man inhaltlich nichts entgegen zu setzen hat, da bleibt keine
Alternative zum Bekenntnis gegen den vermeintlichen Feind. Ein Bekenntnis bei
dem unausgesprochen bleibt, was doch alle wissen oder doch erahnen: Das man
ihm inhaltlich näher ist als man denkt.
Wie soll man Nazis kritisieren, wenn man als „demokratische Mitte“ inhaltlich
einiges mit ihnen gemeinsam hat. Wie soll die SPD Nazis kritisieren und
gleichzeitig Abschiebungen vornehmen ohne sich in einen inneren Widerspruch
zu verwickeln. Wie könnten die Grünen dies ehrlichen Herzens tun, wo sie
während des Kosovokrieges zugleich Auschwitz relativierten und erstmals seit
45 wieder einen deutschen Angriffskrieg führten. Wie soll die Linke Nazis
effektiv kritisieren ohne zugleich ihre Anhänger zu verschrecken, von denen
jede/r Vierte Ausländerfeindlichkeit aufweist. Wie soll die Kirche mit ihrem
Rückwärts gewandten Bild von Frauen und Homosexuellen den Nazis etwas
entgegen setzen. Und von der CDU, die in den 90er Jahren der geistige
Brandstifter ausländerfeindlicher Pogrome war, und heute jeden der sich aktiv
gegen Neonazis engagiert unter den Generalverdacht des „Extremismus“ stellt,
wollen wir an dieser Stelle garnicht reden.
Es zeigt sich immer wieder: Ob Rassismus, Antisemitismus, Sozialchauvinismus,
Sexismus, Gemeinschaftskult oder Militarismus – all das kommt nicht nur am
rechten Rand vor, sondern ist Teil des gesellschaftlichen Mainstreams. Wir
jedenfalls haben keinen Bock auf eine Zivilgesellschaft und ihre diversen
Parteien die dies nicht anerkennen wollen. Vor allem aber haben wir keine Lust
uns von diesen instrumentalisieren zu lassen. Aber wahrscheinlich wird sie das
nicht interessieren. Wahrscheinlich wird stattdessen Morgen in der Zeitung
stehen, dass Sangerhausen ein „friedliches und weltoffenes Zeichen gegen
rechtes Gedankengut gesetzt hat“, weil sie ihre Pressemitteilungen rausgeben,
die schon lange vor diesem Redebeitrag fertig waren.
So wie vor ihnen schon der Merseburger Bürgermeister. Als wir hier nach einem
rechten Überfall, mit mehreren schwer Verletzten, eine Demonstration
anmeldeten um darauf hinzuweisen, dass Merseburg ein Naziproblem hat, da
wurde unser Inhalt in sein Gegenteil verkehrt. Der Bürgermeister rühmte sich
das diese Demonstration gezeigt habe, dass Merseburg „bunt“ sei und das
obwohl wir uns von solcherlei Unsinn explizit distanziert hatten. Hätte er die
Demonstration besucht und unseren Redebeitrag gehört oder sich die Mühe
gemacht unsere Pressemitteilung zu lesen, so wüsste er das wir eben genau dies
nicht zeigen wollten.
Liebe Parteien, Kirchen, Vereine und Initiativen gehen sie deshalb bitte in sich
und fragen sie sich selbst: Sind sie hier, weil sie sich jeden Tag aufs neue gegen
rechtes Gedankengut wehren, oder wollen sie nur den Ruf ihrer Stadt retten
bzw. Wahlkampf betreiben und gehen den restlichen 364 Tagen im Jahr ihrem
Alltag nach? Sollte zweiteres der Fall sein, so können sie uns gestohlen bleiben
und das nächste mal zu Hause verweilen. Sollten ersteres stimmen, laden wir sie
herzlich ein, nächstes Jahr selbst eine Demonstration auf die Beine zu stellen.
Andernfalls wünschen wir ihnen, dass sie bei der nächsten „Muffins gegen
Rechts“-Aktion ordentlich Durchfall bekommen mögen.