Diskussion

Nachdem der Naziaufmarsch vom 18.Juni in Merseburg vorbei ist und mehr oder weniger als ein typischer Aufmarsch in solchen Gegenden geendet hat, ist nun eine Diskussion um den Aufruf der Afa Merseburg entstanden. In dieser wird der Aufruf inhaltlich kritisiert. Auch wir sehen bei diesem Aufruf Diskussionsbedarf, von daher dokumentieren wir hier diese Diskussion:


Sternstunden antifaschistischer Kritik II – Antifa réactionnaire

„„Alternative“ und selbsternannte Antifas aus Merseburg mobilisierten gegen einen lokalen Naziaufmarsch – und lieferten eine unglaubliche Mischung aus unverstandener Totalitarismustheorie, plattester Relativierung des Nationalsozialismus und Stadtmarketing

Es gibt Dinge, die sind so irre, dass man sie kaum glauben mag. Dazu zählt auch die jüngste Mobilisierung der lokalen „Antifa“ und „alternativer Jugendlicher“ gegen einen Naziaufmarsch anlässlich des 17. Juni in Merseburg. Unter dem geschmacklosen Titel „Für einen echten Kehraus“ rief die Afa Merseburg zu Protesten gegen die Nazis auf, und fiel in ihrer absurden „Argumentation“ noch weit hinter das inhaltliche Niveau des bürgerlichen Bündnisses zurück: Die Nazis lügen und sind aber eigentlich genauso schlimm wie die DDR-Diktatur, da sie ja auch Arbeiterverräter seien (und deshalb schlecht). Zudem, so konnte man im Vorfeld von den eigentlich seit Jahren einen „Rückzugsraum“ fordernden „alternativen“ Jugendlichen der IAM erfahren, ist Merseburg eine schöne Stadt (inkl. einer Fachhochschule!) in der man gut leben und auch Tretboot fahren kann (!), die Nazis gehören hier nicht her. So weit, so schlimm, doch es scheint geboten, die regressive und hochproblematische inhaltliche Barbarei ausführlicher auseinanderzunehmen und zu kritisieren. Vielleicht kann man ja wenigstens eine „antifaschistische“ Knallcharge zum Denken anregen….

Der Afa-Aufruf – drei Absätze ohne Wissen und Vernunft

Absatz 1+2:
Alte und neue Faschisten greifen „gern auf den 17.Juni 1953 zurück, da sie hier ganz im Sinne ihres stark vereinfachten Weltbildes eine Einteilung der Welt in einerseits die ‚guten nationalen Sozialisten‘ und andererseits der von Grund auf ’schlechten jüdisch-bolschewistischen-Weltverschwörer‘ vornehmen können.“ Deutet sich da mit „Faschisten“ und durch die Grammatik schon etwas an? Naja, so weit so gut.
„Doch schauen wir uns mal die historischen Tatsachen der angeblich neuen Befreier der Arbeiterklasse an: Tatsache ist, dass alle freien Gewerkschaften gleich nach der Machtübernahme der NSDAP verboten wurden. Tatsache ist, dass Gewerkschaftler verfolgt und inhaftiert wurden. Tatsache ist, dass damit jegliche gewerkschatliche Souveränität verloren ging und mit ihr eine ernsthafte Arbeitnehmervertretung. Unter Befreiung stellt man sich eigentlich was anderes vor..“ Ja. Wer denkt, jetzt geht es weiter, irrt. Das war’s. Das Problem mit den Nazis ist benannt, offensichtlich eben das einzige, das die „Afas“ sehen: Die Nazis haben die Arbeiter nicht „befreit“. Sie lügen bzw. sind Arbeiterverräter. Auf die angesprochene Gegnerschaft zu den „jüdisch-bolschwistischen Weltverschwörern“ wird nicht nur nicht mehr eingegangen, sie wird auch noch im Rahmen der „doch schauen wir uns mal ihr wahres Verhalten an – hah, gelogen!“-Argumentation zu einer ernsthaften und sinnvollen These transformiert und von den Autoren damit legitimiert. Nicht die Ideologie der Nazis ist das Problem, sie haben sich schlicht nicht an diese gehalten! Antisemitismus und Holocaust sind irrelevant für die Faschismus-“Analyse“ der AktivistInnen, die nicht mal das Niveau der überkommenen dimitroffschen These vom Kapital, was hinter dem Faschismus steht, gelangen. Hätten die Nazis die „deutschen Arbeiter“ tatsächlich befreit – wären die Merseburger Afas dann konsequenterweise Anhänger des Strasser-Flügels?

Absatz 3
Unglaublich geht es weiter, „kommen wir zum 17.Juni 1953. Tatsache ist, dass der Volksaufstand [!] sich gegen ein autoritäres Regime und die dadurch einhergehende Bevormundung der Arbeiterklasse[!] richtete. Die Erkenntnis [!] daraus ist, dass der Aufstand des 17.Juni 1953 sich genau [!] gegen all das wendete, was ein neuer Nationalsozialismus für die Arbeiterklasse bedeuten würde.
Das DDR-Regime also identisch mit dem nationalsozialistischen Regime. Damit wird nicht nur in bester traditionslinker Manier die deutsche Volksgemeinschaft vor 1945 geleugnet, dümmer und totaler als jeder Totalitarismutheoretiker es könnte oder wollte ignorieren, verleugnen und relativieren die AutorInnen in dieser Gleichsetzung auch noch nationalsozialistische Ideologie, Vernichtungskrieg, Holocaust und KZ-Lagersystem. Dass die Mehrzahl der Opfer des NS ihnen sowieso egal sind, zeigen sie zwar in der penetranten Fokussierung auf das, „was ein neuer Nationalsozialismus für die Arbeiterklasse bedeuten würde“. Der Großteil der „Arbeiterklasse“ war Teil der deutschen Volksgemeinschaft, Teil des nationalsozialistischen oder zumindest nationalsozialistisch indoktrinierten Kollektivs. Doch muten solche Erläuterungen absurd an, angesichts der barbarischen Gleichsetzung von gewalttätigen Protesten gegen Normerhöhungen mit dem Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Millionen von Opfern von Vernichtungskrieg und Shoah werden so aus dem Geschichtsbuch gestrichen, in das die Afas die „Nazis“ ja kehren wollen. Un auch am Ende ihres Aufrufes zu diesem Kehraus betonen sie noch einmal ihre zynische Argumentation: „Damit lassen die Nazis wieder mal erkennen, dass das was sie einerseits sagen nicht dem entspricht, was sie auch wirklich umsetzen wollen.“

Imagevideos – drei Minuten kotzen

Glücklicherweise sind die Merseburger „Alternativen“ und „AntifaschistInnen“ so marginal, wie ihre Stadt häßlich und deutsch ist. Denn die Stadt, die sie in ihren wohl gemeinsam mit dem bürgerlichen Bündnis oder für dieses erstellten Imagevideos (starke Nerven benötigt) als supi lebenswert und attraktiv bezeichnen (O-Ton: tolle Parks, toller See zum Tretbootfahren, tolle Fachhochschule, tolle Kultur – huch – wo kommen denn die bösen Nazis her?), diese Stadt hat ein Problem mit ihren Nazis und ihrer ignoranten und oft ebenfalls rassistischen, nationalistischen, homophoben oder antisemitischen ostzonalen Bevölkerung. Dass deutet sogar dass vor allem an der Imagerettung des Merseburger Schlossfestes interessierte bürgerliche Bündnis an, dass ein von der „Antifa“ komplett ignoriertes Thema anspricht: „Merseburg hat auch an allen anderen Tagen des Jahres ein Problem mit Neonazis. Zur Landtagswahl wählten über 600 Menschen (4,6 Prozent) in der Stadt die verfassungsfeindliche NPD. Viele Gebäude sind mit neonazistischen Parolen beschmiert. Offenbar rechte Täter schändeten inzwischen zum vierten Mal die Gedenkstele für die ermordeten Sinti und Roma auf dem Merseburger Neumarkt. Zudem kommt es immer wieder zu Angriffen von Neonazis auf nicht-rechte Jugendliche sowie auf Migrantinnen und Migranten.“ Dass es 1953 um Normerhöhungen ging, erwähnt das Bündnis übrigens auch am Rande. Es lebe die bürgerliche Restvernunft.

P.S.: Die Parolen zur Rettung Merseburgs, des Schlossfestes und der Demokratie (in dieser Reihenfolge) mobilisierten am 18.06. etwa 200 der 35.000 EinwohnerInnen.“

vom Blog: critique aujourd‘hui – Pseudofranzösisch statt Pseudokritik -