Walser und die Provinzstadt Halle

Wir dokumentieren hier einen Artikel aus dem Blog critiqueaujourdhui.blogsport.de
In diesem wird von einer Störung der am 16.März statt gefundenen Lesung Martin Walsers in Halle berichtet. Diese hatte in Rahmen der Leipziger Buchmesse statt gefunden. Da kein andere Prominenter nach Halle kommen wollte hatte man den Antisemiten Walser geschickt, welcher sich hier in guter Gesellschaft mit Luther, Francke und Sodan befindet.

Hier der Bericht vom erwähnten Blog:
www.critiqueaujourdhui.blogsport.de

„Per mail ging mir heute Nacht ein kur­zer Be­richt über eine Stör­ak­ti­on wäh­rend einer Le­sung an­läss­lich der Buch­mes­se an der Uni Halle zu. Zwi­schen 20 und 30 Stu­die­ren­de ver­such­ten dem­zu­fol­ge am Frei­tag Abend, mit einem Trans­pa­rent und Flug­blät­tern ihren Unmut über die Ein­la­dung des – wie es im Flug­blatt­text heißt – „prä­se­ni­len“ Wal­ser aus­zu­drü­cken, des­sen an­ti­se­mi­ti­sche Denk­mus­ter spä­tes­tens seit dem Skan­dal um „Tod eines Kri­ti­kers“ allen be­kannt sein müss­ten. Den Text des Flug­blat­tes will ich nie­man­dem vor­ent­hal­ten, er folgt unten. Zuvor will ich al­ler­dings noch die Re­ak­tio­nen von Gäs­ten er­wäh­nen. Nach Aus­sa­gen einer Stö­re­rin re­agier­ten ei­ni­ge Wal­ser-​Fans em­pört auf die Kri­tik an ihrem Idol und sei­nem und ihrem se­kun­dä­ren An­ti­se­mi­tis­mus, der sich vor allem in der kon­se­quen­ten Tä­ter-​Op­fer-​Um­kehr oder -​Gleich­set­zung aus­drückt. So kam es zu Be­lei­di­gun­gen, ein an­we­sen­der Bil­dungs­bür­ger zeig­te den Stin­ke­fin­ger, einer der Ver­ant­wort­li­chen soll in Bezug auf das Trans­pa­rent („..​dass Ausch­witz nicht sich wie­der­ho­le, nichts Ähn­li­ches ge­sche­he“) mit dem zy­ni­schen Aus­spruch „Was wollt ihr denn, ihr wart doch da­mals gar nicht dabei!“ re­agiert haben. Re­la­tiv ge­walt­sam sol­len alle dann raus­ge­drängt (bzw. eher raus­ge­schubst?) wor­den sein, wird be­rich­tet. Fol­gen­des uns mit der mail zu­ge­sen­de­te Foto ist zu köst­lich, um es nicht zu pos­ten (insg.: danke für die mail, P.!):“

Hier noch ein Bild von der „MZ“-​Sei­te:

Und hier der Text:

„Mar­tin Wal­ser – Schuld­ab­wehr und An­ti­se­mi­tis­mus, li­te­ra­risch ver­brämt und ent­ta­bui­siert für den „ge­bil­de­ten“ deut­schen Bür­ger

I Pauls­kir­che – „Vor Kühn­heit zit­ternd“ sagen, was (fast) alle den­ken

Immer deut­li­cher quoll im hohen Alter aus Mar­tin Wal­ser her­aus, was sich sub­ti­ler schon durch sein ge­sam­tes Werk zog. Die Pauls­kir­chen­re­de: Allen Deut­schen würde ab­sicht­lich von In­tel­lek­tu­el­len „weh getan“ wer­den. „Jeder kennt un­se­re ge­schicht­li­che Last, die un­ver­gäng­li­che Schan­de, kein Tag, an dem sie uns nicht vor­ge­hal­ten wird“, echauf­fier­te sich Wal­ser. „Manch­mal, wenn ich nir­gends mehr hin­schau­en kann, ohne von einer Be­schul­di­gung at­ta­ckiert zu wer­den“, so Wal­ser, er­fah­re er „die In­stru­men­ta­li­sie­rung un­se­rer Schan­de zu ge­gen­wär­ti­gen Zwe­cken“.
Wie so oft brach Wal­ser Tabus, die nicht exis­tie­ren, war vol­ler Selbst­mit­leid, „weil ich jetzt wie­der vor Kühn­heit zit­te­re, wenn ich sage Ausch­witz eig­net sich nicht dafür, Droh­rou­ti­ne zu wer­den, je­der­zeit ein­setz­ba­res Ein­schüch­te­rungs­mit­tel oder Mo­ral­keu­le“. Als hätte Franz Josef Strauß nicht schon 1969 ge­sagt, ein Volk, das der­ar­ti­ge wirt­schaft­li­che Leis­tun­gen voll­bracht habe, habe ein Recht dar­auf, „von Ausch­witz nichts mehr hören zu wol­len.“ Spä­ter sagte er dann in einem In­ter­view, dass er un­zäh­li­ge Zu­schrif­ten er­hal­ten habe, die den Tenor ge­habt hät­ten: „Was wir bis jetzt hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand sag­ten, das haben Sie öf­fent­lich aus­ge­spro­chen, und dafür sind wir Ihnen dank­bar“…

II „Tod eines Kri­ti­kers“ – Ju­den­mord als späte Rache

Nicht ver­ges­sen ist auch sein Roman „Tod eines Kri­ti­kers“, der li­te­ra­risch zwar er­bärm­lich, auf­grund sei­nes un­ver­hoh­le­nen An­ti­se­mi­tis­mus je­doch aus­führ­lich the­ma­ti­siert wor­den ist. Es sprach be­reits Bände, als der lang­jäh­ri­ge gute Be­kann­te Walsers, der Kon­ser­va­ti­ve Frank Schirr­ma­cher, den Vor­ab­druck in der FAZ ver­wei­ger­te. Er schrieb: „Ihr Buch ist eine Hin­rich­tung, ein ha­ßer­füll­tes Do­ku­ment, das sich mit der Er­mor­dung eines Juden be­faßt“. Die Phan­ta­si­en Walsers über einen Mord am Li­te­ra­tur­kri­ti­ker Mar­cel Reich-​Ra­ni­cki – der ihm sein Leben lang über­le­gen und daher ver­hasst war – und die aus­gie­bi­ge Ver­wen­dung an­ti­se­mi­ti­scher Kli­schees und Ste­reo­ty­pen waren schlicht zu viel. Wal­ser be­schrei­be in an­ti­jü­di­scher Ma­nier eine hei­mat­lo­se Ge­stalt, so der Pu­bli­zist Hanno Loewy, des­sen Ges­tik ent­stam­me dem Re­per­toire der „Un­ter­men­schen“. Tho­mas Ass­heu­er er­in­ner­ten viele der Sätze, die der Dich­ter im Roman sei­nem Kri­ti­ker ent­ge­gen­hält, an völ­ki­sche Pa­ro­len, mit denen Schrift­stel­ler wie Kol­ben­hey­er, Grimm und Johst die jü­di­sche Li­te­ra­tur­kri­tik be­kämpft hat­ten. Die mas­si­ve Kri­tik an die­sem Roman und Walsers Apo­lo­gi­en ver­an­lass­ten den Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Matt­hi­as Lo­renz dazu, das Ge­samt­werk zu un­ter­su­chen und zu ana­ly­sie­ren. Das Er­geb­nis scho­ckier­te viele Wal­ser-​Fans, die seine spä­ten, von in­fan­ti­lem Hass ge­trie­be­nen Er­güs­se schlicht sei­nem prä­se­ni­len Zu­stand an­las­te­ten.
Die jü­di­schen Fi­gu­ren im Früh­werk, so das Fazit der Un­ter­su­chung, wer­den „mit be­kann­ten an­ti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen (Reich­tum, Kos­mo­po­li­tis­mus, Fi­xiert­heit aufs Geld, Geiz, Ero­tik der ,schö­nen Jüdin‘, der be­rüch­tig­ten ,jü­di­schen Nase‘) ver­se­hen“. Selbst in den Stü­cken, die sich aus­drück­lich dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und sei­nen Op­fern wid­men, wer­den die jü­di­schen Opfer eher er­wähnt als be­schrie­ben, oft ent­wer­tend, so dass sie dem Leser fremd blei­ben müs­sen. Die Lei­den der Juden (wie in dem Stück „Eiche und An­go­ra“) wer­den denen der nicht­jü­di­schen Deut­schen gleich­ge­stellt – alle sind Opfer, nicht nur die Ver­nich­te­ten, son­dern auch die „Ver­führ­ten“, die Deut­schen, als wären Ver­nich­tungs­krieg und Ho­lo­caust das Werk einer ein­zi­gen Per­son. Kon­se­quent ist seine be­kann­te Aus­sa­ge: „Die idea­le Lö­sung: die deut­sche Be­völ­ke­rung ver­reist am 8. Mai an die Strän­de und über­lässt das Land den Sie­gern für ihre Fei­ern.“ Sol­len die Sie­ger und die Juden doch die Zer­schla­gung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus fei­ern, für Wal­ser und seine deut­schen Fans gibt es dafür kei­nen Grund. In den Jahr­zehn­ten nach 1945, so Wal­ser, „ver­lor der deut­sche Sol­dat die­sen Krieg zum zwei­ten, drit­ten, vier­ten Mal. Er ist längst dif­fa­mier­bar ge­wor­den.“ „Dif­fa­mier­bar“ – nicht etwa wahr­haft dif­fa­miert durch die Ver­bre­chen der Wehr­macht, der Po­li­zei­bat­ta­lio­ne, der SS. Walsers Thema waren immer die Lei­den der Täter an ihrer Nie­der­la­ge, die Lei­den des „deut­schen Volkes“.

Der Be­liebt­heit Walsers bei allen, die gerne einen in­tel­lek­tu­ell ver­bräm­ten, von Schuld­ab­wehr ge­trie­be­nen Schluss­strich zie­hen wol­len, war das alles nur zu­träg­lich. Es ver­wun­dert daher kaum, dass Hal­les Pro­vin­z­uni­ver­si­tät Wal­ser ein Po­di­um bie­tet. Mit ihrem Namen, dem eines gro­ßen und be­lieb­ten Ju­den­hassers, der in sei­nem „Spät­werk“ eben­falls kein Blatt mehr vor den Mund nahm, hat sie sich nie aus­ein­an­der­ge­setzt. Zwei große Deut­sche, die von jü­di­schen Nasen reden, von Schweiß, von uns und „denen“. Lu­ther rief zum Po­grom, „auf das sie wis­sen, sie sind nicht Her­ren im Lande“. Wal­ser lässt den Kri­ti­ker und mit ihm die „Mo­ral­keu­le Ausch­witz“ ver­nich­ten. Welch ho­no­ri­ge Par­al­le­le zwi­schen An­ti­ju­da­is­mus und mo­der­nem An­ti­se­mi­tis­mus. Was für eine wi­der­li­che Ver­an­stal­tung.

Stu­die­ren­de der Uni­ver­si­tät Halle“