Hört auf zu studieren, fangt an zu begreifen! Antifaschistische Hochschultage 2012

Veranstaltungstermine:

Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr
Gerhard Stapelfeldt: Kritik der Soziologie.

Mittwoch, 6. Juni, 19 Uhr
Magnus Klaue: Phantasie als Kompetenz. Zur Ideologie der Kreativität in der neueren Pädagogik.

Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr
Alex Gruber: »That politics may be reduced to a science«. Die politikwissenschaftliche Ersetzung von Herrschaft durch Psychologie der Herrschenden.

Montag, 25. Juni, 19 Uhr
Jörg Huber: Der Aberglaube des Positivismus.

In ihrer Entstehungszeit in der Epoche der Aufklärung trat die moderne Wissenschaft mit dem Anspruch an, Wahrheit und Erkenntnis—und damit zugleich der Menschheit—zu dienen. Solche Parolen waren zwar stets Ideologie: Sie halfen zu kaschieren, dass die Wissenschaft stets weniger im Dienst von Wahrheit und Erkenntnis als der Herrschaft stand. Ihr offiziell verkündeter Anspruch trug jedoch zum einen dazu bei, dass sich innerhalb des universitären Betriebes einige (wenn auch kleine) Nischen herausbilden konnten, in denen die Rede von der Erkenntnis gelegentlich ernst genommen werden konnte. Zum anderen hielt die Parole vom Dienst an der Menschheit zumindest die Erinnerung daran wach, dass es auch etwas anderes geben kann als die Abfolge wechselseitiger Quälereien, die sich Weltgeschichte nennt.

Diese Zeit scheint inzwischen vorbei zu sein. Die wenigen akademischen Schutzräume sind im Zuge der Umgestaltung der Universitäten verschwunden. Auch diejenigen Studenten, die dieser Umgestaltung kritisch gegenüberstehen, haben zu diesem Prozess beigetragen—etwa durch ihre Forderung nach einer Evaluation der Lehrenden: Was als studentische Mitbestimmung ausgegeben wurde, hat zur intellektuellen Gleichschaltung der Universitäten beigetragen. Aus der Evaluation sind in der Regel die Eloquentesten, Modischsten und damit zugleich: Stromlinienförmigsten als Sieger hervorgegangen.

Darüber hinaus mag im akademischen Betrieb kaum noch jemand von der Menschheit sprechen. War der Widerspruch zwischen akademischem Anspruch und akademischer Realität einmal der kritische Stachel im Fleisch des universitären Betriebs, bekennen sich die einschlägigen Institute inzwischen mal stolz, mal verdruckst dazu, allenfalls Beamte zur Verwaltung des überflüssigen Menschenmaterials auszubilden: von der Psychologie, Erziehungswissenschaft und Soziologie über Medizin, BWL und Jura bis hin zu den Islamwissenschaften, der Afrikanistik und den Lateinamerikastudien, deren Absolventen Pläne dafür basteln, wie der Politbetrieb in Zukunft mit den abgehängten Regionen der Welt verfahren sollte—selbstverständlich unter Berücksichtigung der dortigen Traditionen, kulturellen Eigenheiten und religiösen Vorschriften.

Insbesondere der Verweis auf Wahrheit löst angesichts der postmodernen Welle, die die Universitäten seit den siebziger Jahren überflutet hat, angesichts des Sermons von »Sprechorten«, »Diskursen«, »Kulturen« und »Performanzen«, der über den Campus quillt, nur noch ungläubig-spöttisches Kopfschütteln aus. Wer auf dem Anspruch der Wahrheit beharrt, so heißt es gern, sei bestenfalls nicht ganz dicht, schlimmstenfalls ein Anhänger des Totalitarismus.

Von dieser Entwicklung ist auch die Linke betroffen, die einen entscheidenden Beitrag zum Einzug der Postmoderne in die Seminare und Universitätsbibliotheken leistete. Wollte die Linke in ihren besten Tagen—von denen es freilich nicht allzu viele gab—einmal die Verhältnisse zum Tanzen zwingen, indem »man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt« (Marx), sind sie inzwischen vor allem auf der Jagd nach einem Pöstchen im akademischen Betrieb. Dieser Betrieb verwandelt freilich innerhalb kürzester Zeit auch den kritischsten Geist in einen Kretin. Die wenigen Ausnahmen, die es möglicherweise gibt, bestätigen nur die traurige Regel. So pflegen die Jungrevoluzzer von gestern spätestens im dritten Semester auch bei ihren Polittreffen jenen akademischen Jargon, der jedweden kritischen Gedanken von vornherein verhindert. Das einstige Existentialurteil über die Gesellschaft verwandelt sich schon nach dem Absolvieren der Basismodule in die Aussage, dass man doch etwas mehr differenzieren müsse. Aus Verstehen (sprich: Begreifen) wird mit anderen Worten Verständnis. Die alte Forderung »Hört auf zu studieren, fangt an zu begreifen«, hat insofern noch immer nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil.

AG Antifa im Stura der Universität Halle
AG Antifa im Studienrat der Uni Halle